Schön, dass mal quergedacht wird: Humane Retroviren, Superantigene und MS

Ab und zu wagt es dann doch jemand das Dogma der MS als Autoimmunerkrankung infrage zu stellen, wie diese Pressemitteilung der Universität Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg zeigt.

Neues Konzept zur Entstehung von Multipler Sklerose vorgestellt

Was steckt dahinter?

Virale und bakterielle Infektionen stehen seit Anfang der MS-Forschung im Verdacht, maßgeblich an der Ätiologie der Krankheit beteiligt zu sein. Einen besonderen Impuls in Richtung dieser Vermutung brachte der epidemieartige Ausbruch der Krankheit auf den Färöer-Inseln, nachdem diese im zweiten Weltkrieg durch britische Truppen besetzt worden waren. Das erste epidemische Auftreten geschah im Jahr 1943 bei 21 nativen Einwohnern gefolgt von drei weiteren Wellen mit 10, 10 und 13 Fällen. Die Forschergruppe um Kurtzke und Heltberg schloss daraus im Jahr 1977 und folgend auf einen unbekannten, persistenten Erreger, den sie mit dem Begriff PMSA (Primary MS Affection) beschrieben. Diese Theorie erwies sich aber in der Folge als untragbar.

Man weiß aber inzwischen zum Beispiel, dass das Epstein-Barr-Virus (EBV), das Virus, das Mononukleose (Pfeiffersches Drüsenfieber) verursacht, das Risiko einer Person MS zu entwickeln um einen Faktor 2-3 erhöht.

Eine neuere Theorie sagt, dass die “ richtige” Kombination von Infektionen, wie zum Beispiel mit dem EBV- oder JVC-Virus, mit besonderen sogenannten humanen endogenen Retroviren (HERV) zur MS führen kann. HERVs sind Retroviren, die keinen vollständigen DNA-Replikationszyklus durchlaufen, sondern als Virus-DNA dauerhaft im Genom des Menschen seit hunderttausenden von Jahren weitervererbt werden. Es wird postuliert, dass unter bestimmten Bedingungen einige dieser HERVs möglicherweise infektiöse Virionen (Virusteilchen außerhalb der Zelle) – also die als „Superantigene“ bezeichneten Hüllproteine – bilden können, die zur Art der Entzündung, wie bei MS festzustellen, beitragen. Die Forschung hat gezeigt, dass Infektionen zum Beispiel mit dem Epstein-Barr-Virus die Produktion dieser “Superantigene” erhöht.

Was bedeutet dies nun für den Umgang und Behandlung bei der MS?

Grundsätzlich erst einmal nicht allzu viel. Da z.B. etwa 96% der erwachsenen Bevölkerung mit dem EBV-Virus infiziert sind bzw. 90% mit dem JVC-Virus (ohne dass dies in der Regel zu gesundheitlichen Problemen führt), ist die vielversprechendste Strategie, dem Körper alles zur Verfügung zu stellen, was er benötigt, um mit viralen Infektionen zurechtzukommen.

Übrigens kann es durchaus sein, dass eine der heutigen Standardtherapien bei schubförmiger MS mit Interferon-β möglicherweise auch aufgrund der antiviralen Wirkung gewisse, wenn auch bescheidene, Erfolge zeigt. Auch die Forschung mit Anti-Herpes-Wirkstoffen, wie Valacyclovir, wurde in den letzten Jahren intensiviert. Trotz positiver Tendenzen ist ein Durchbruch damit bisher aber noch nicht gelungen.

Fazit:

Es bleibt zu wünschen, dass die Forschung an dieser Stelle zielstrebig und zügig weitergeht. Sollte sich die Theorie bewahrheiten, wäre ein Großteil der heutigen MS-Standardtherapien – insbesondere jene, die das Immunsystem massiv unterdrücken – zumindest infrage gestellt. Dogmen in der Medizin halten sich bekanntlich leider sehr lange. Man denke nur an mehr als 40 Jahre Verteufelung des Fetts als Auslöser kardiovaskulärer Erkrankungen. Ein Dogma, das sich aktuell in Luft aufgelöst.


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